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Die Höle La Pileta
Topographische lage

Die Höhle "La Pileta" liegt in der Provinz Málaga, einige Kilometer westlich von Ronda, im Bergland ihres Namens, einer Kalksteinkette, die sich von Montejaque in Richtung Cortés de la Frontera mit nord-westlichen Ausläufern in Richtung Grazalema und Ubrique (Cádiz) erstreckt.

Innerhalb der Dorfgrenzen Benaojans und zwischen diesen und Jimera de Libár, an den Südhängen mit Wassern, die zum Fluss Guadiaro herabströmen, erheben sich die grossen Bergfelsen des Acebuche und der Hochebenen (Las Mesas), in welchen 670 m über Meereshöhe, die Öffnung zur Höhle liegt. Ihre Entstehung verdankt sie einem unterirdischen Fluss, der von den Regenwassern der dahinter liegenden höheren Berge Monteprieto und Pozuelo gespeist wurde.

Während der Entstehungszeit der Höhle, die, nach Ausdehnung und Weite ihrer Säle zu beurteilen, mehrere Jahrhunderttausende gedauert haben dürfte, hatte dieser unterirdische Fluss drei Ausgänge: nach Süden durch die Cueva de las Vacas, nach Osten zum heutigen Eingang und zur Sima de las Grajas. Diese Wasser formten auch die Tiefebene, welche sich von den erwähnten Ausgängen in etwas steilem Gefälle zwischen losgelösten Felsen nach unten zum sog. Valle de Harillo erstreckt. Dieses tal wird im Westen vom Canchal de Enrique, im Osten von El Cintón und im Norden vom Cerro de la Pileta begrenzt.

Geschichte der entdeckung

Es war José Bullón Lobato, der Grossvater des heutigen Besitzers, der im Jahre 1905 die Höhle "La Pileta" entdeckte, als er sich auf der Suche nach Vogelmist in das "Schlund der Fledermäuse" (Sima de los Murciélagos, heute de las Grajas) genannte Erdloch abseilte. In einer Tiefe von 30 m fand er dort vom Menschen herrührende Reste wie schwarze Stellen an Felsen und auf dem Fussboden, die von Primitiven herrühren. Vom ersten Raum mit der Eingangsöffnung aus konnte er zuerst durch einen 15 m langen Stollen aufwärts bis zu einem Balkon (Balcón de Tomás) gelangen. Als er im Lauf der Zeit immer weiter vordrang und zuletzt auch die seitlichen Galerien untersuchte, entdecktc er überall Tongefässe und Scherben bis hin zum Salon des Fisches (Sala del Pez), vor allem auch eine reiche Varietät an Zeichnungen, einige figünlicher Art, zum grössten Teil aber zeichenhafte Stnichformen. Deshalb nannte er die Höhle "Cueva de los Letreros" (Höhle der Schriftzeichen).

Zu diesen Zeit waren erst wenige bemaltc Höhlen bekannt und die Höhlenmalerei noch nicht als prähistorisches Phänomen anerkannt. So schrieb manz. B. die Maleneien der Pileta, ehe sie wissenschaftlich erforscht wurden, den Mauren zu. 1909 und 1911 besichtigtc em ornithologisch interessierten englisch Oberst, Willoughby Verner, einen Teil der Höhle und erwähnte den wichtigen Fund innerhalb einiger Mitteilungen in der Saturday Review. Durch diese Veröffentlichung erfuhr der Prähistoriker Abate Breuil von der Existenz der Malereien. In Zusammenarbeit mit der Zeitungsredaktion und den Wissenschaftlern und Assistenten Dr. Hugo Obermaier, Paul Wernert und Juan Cabré organisierte er eine Expedition, die während des Frühjahrs 1912 alle bekannten Teile der Höhle erforschte, aufzeichnete und auswertete. Diese Studien wurden mit finanzieller Hilfe des Prinzen Alberto I. von Monaco 1915 im Humanistisch-Pantheontologischen Institut von Paris unter dem Titel "La Pileta a Benaojan" veröffentlicht. Den Namen Pileta (Weihwasserkessel) gab der Hóhle Prof. Obermaier nach einem kleinen von frischem Quellwasser gespeisten Becken, aus dem er zu tninken pflegte.

Tomás Bullon García, der Sohn des José Bullon Lobato, entdeckte im Márz 1924 einen leicht zugänglichen bequemen Eingang zur Hóhle (im Apnil desselben Jahres wurde sie zum Nationalmonusen: erklärt) und 1933 die Neuen Galerien (Nuevas Galerías, 2. Teil), auf deren Grund en vier menschliche Skelette fand. Im Mai 1934 entdeckte er die Verbindungsstollen zwischen Las Grajas (Krähenweibchen und dem neuen Teil, sowie verschiedene anschliessende Säle, die später nach einem Besuch des Sindicato Español Universitario benannten "Galerien der S.E.U. Im September 1935 stieg er in den 72 m tiefen grossen Shlund (Gran Sima) ab, auf dessen Grund er die Versteinerungen eines menschlichen und zweier tierischer Skelette fand. Sweit der heutige Stand der Entdeckungen.

Die Malereien und Strichzeichen der Höhle

Am Ende der 4.Eiszeit, vor 50000-20000 Jahren, als die Lebensbedingungen allmählich günstiger wurden, trat zum. 1. mal der horno sapiens auf. Aus Südasien, Nordafrika und Gebieten, die heute unter dem Mittelmeer liegen, kam er nach Europa und erschien sogleich künstlerisch und technisch hochbegabt. (Malerei, Gravierungen auf Stein, Knochen und Elfenbein, erste Kleinplastiken, Geräte) Seine Kultur war recht einheitlich, vor allem auf das Jagen und Sammeln gerichtet. Von seinen magisch-religiösen Vorstellungen geben die erhaltenen künstlerischen Manifestationen Auskunft, die, Zeugnis der geschärften Augen eines Jägervolkes, z.T. von grosser Präzision, rneist zumindest mühelos zu erkcnnen sind. Das erhaltene Material der Höhle La Pileta umfasst drei Epochen: das Jungpaläolithikum, das Mesolithikum und das Neolithikum.

Eine erste Stufe des Jungpaláoliathikum (spatere Altsteinzeit), das Aurignacien (um 50 000 - 20 000 v.Chr.) beginnt mit einfachen, mit dem Steingriffcl geritzten oder mit Farbe gezogenen Urnrisszeichnungen. Diese gelangen im Solutréen (um 15 000 v.Chr.) zu einer immer sorgfältigeren Ausführung und finden ihren Höhepunkt im Magdalénien (um 15 000 - 8 000 v.Chr.) Die Klarheit der Umrisslinie tritt nun allrnählich zurück zugunsten ihrer Vielgestaltigkeit: sie wird gebrochen, gelockert, z.T. aufgelöst. Unter Verwendung verschiedener Farben (gelber Ocker, schwarze Manganerde oder Kohle, rotes Eisenoxyd, weisser Kalk, mit dern Fett von Tieren vermischt) werden Akzente gesetzt oder durch eine geschickte Vertcilung von dunkleren und helleren Tönen und Ausnutzung der Unebenheiten der Felswände z. T. bereits Plastizität angestrebt. Es entsteht ein mehr malerisches Bild. Aus dieser Zeit stammen auch die seltenen perspektivisch gesehenen Bilder von Tieren, welche sich umblicken. Das ausgehende Magdalénien dagegen kehrt zur Fläche, zur Führung der Umrisslinie zurück.

Die Zusammenhanglosigkeit der einzelnen Darstellungen, z. T. sind sie völlig willkürlich übereinander gesetz tlässt vermuten, dass nicht künstlerisch-ornamentale Zwecke das Motiv ihrer Entstehung sind, sondern dass sie, einbezogen in rnagische Riten und Beschwörungen, dem Jagdglück oder der Fruchtbarkeit dienen sollten.

Die Tierbilder in der Höhle La Pileta beginnen im Hauptschiff (Nave Central). In Kohleurnrisszeichnungen und rötlichem und gelben Ocker sind hier ein Pferd, Kopf und Hörner eines Stiers in lebendigerer Farbe und daneben schematische Zeichnungen von ungeklärter Bedeutung ausgeführt.

Im seitlich anschliessenden Nebensaal (El Salón) sind unter den vielerlei interessanten Zcichnungen ein Rentier (?) und ein über 2 m grosser Hirsch des Qutär (cervus elaphus cuaternario), dahinter, in der Galerie der Bergziegen (Galerías de las Cabras Montesas), die spanische Ziege (Cabra Hispánica) und ein Pferd hervorzuheben.

Wegen der grösseren Perfektion der Zeicnungen nimmt man an, dass sich zwischen dem Hauptschiff und dem anschlieBenden ebenso grossen Saal mit Teich das Sanktuariun befand. Neben verschiedenen Strichzcichen enthält es insgesamt 12 hervorragende Tierbilder. Trächtige Tiere, wie die abgebildete Stute, lassen auf Fruchtbarkeitsriten schliessen.

Bis zurn folgenden Saal des Teiches (Sala del Lago) werden die Tierzeichnungen aus dem Aurignacien fortgesetzt. Von besonderem Interesse unter den 7 Kohlezcichnungen dieses Saales sind u. a. die in perspektivischer Verdrehung gezcigten Rinder. Möglicherweise kann auch die Fig. 6 alsnun von hinten gezeigtes - perspektivisch gezeichnetes Rind gedeutet werden.

Tierzeichnungen und Ockerfärbungen tauchen erst wieder im Saal des Fisches auf (Salón del Pez) Wegen der Seltenheit von Meerestierabbildungen gab vor allem dieser Saal der Pileta Ruf und Bedeutung. Im Zentrurn des grossen Meeresfisches ist, nach rückwärts gerichtet, die Silhouette eines kleinen Sechundes zu erkennen. Ein kleines, präzise umrissenes Reh (?) über dem oberen Schwanzteil des Fisches, scheint Leben und Bewegung zu haben.

In den unteren Galerien (Galerías nuevas), die Tierrepräsentationen aus derselben Zeit enthalten, wäre noch eine Zeichnung zu erwähnen, die möglicherweise Kopf und Vorderteil einer Antilope oder des spanischen Steinbocks darstellt.

Alle diese Tiere wurden von Abate Breuil und Dr. Hugo Obermaier studiert und zeitlich eingeordnet (in "La Pileta a Benaoján"). Hinzu kommen nun zwei erst kürzlich vom jetzigen Besitzer entdeckte Tiere: ein Ziegenbock und ein Hirsch. Beide zeugen von perfekter Beherrschung der Linienführung. Der präzise gezeichnete Hirsch ist im Sprung festgehalten.

Unter den zahlreichen menschlichen Darstellungen wäre vor allem der Bogenschütze aus dem Saal der maurischen Königin (Sala de la reina mora) anzuführen. Auch er ist im Augenblick der Aktion, beim Spannen des Bogens erfasst.

Während die Tierbilder enge Verwandtschaft zur franko-kantabrischen Kunst Südfrankreichs und Nordspaniens bewahren, sprechen die menschlichen Darstellungen von der Anwesenheit capsischer Kulturelemente, die vor allem an der Ostküste Spaniens zu finden sind und enge Verwandtschaft mit Fundstätten Afrikas aufweisen.

Man nimmt an, dass der Bogen von hier über das franko-kantabrische Solutréen in die mitteleuropäische Welt eingeführt wurde, wo er sich jedoch nicht im selben Mass bewährte. In Nordafrika und Südspanien herrschte zu dieser Zeit ein sehr regenreiches Klima. In diesen waldreichen Gegenden waren Pfeil und Bogen ein geeignetes Hilfsmittel der Jagd, während die kälteren, waldfreien Regionen des Nordens kaum Gelegenheit für eine erfolgreiche Bogenjagd bieten konnten. Während der mittleren Steinzeit (Mesolithikum, 8 - 2000 v. Chr.) kam es zu einer weitgehenden Vermischung der beiden Kulturen. Eine von Dr. Berdau (Universität Heidelberg) durchgeführte C 14 Untersuchung ergab den Nachweis mesolithischer Reste in der Höhle.

Der einschneidende Lebenswandel den die Anfänge von Ackerbau, Töpferei, Tierhaltung und teilweise Sesshaftigkeit im Neolithikum mit sich brachten, führte zu einem ebenso radikalem Stilwandel der künstlcrischen Äusserungen. Hochstilisierte Figuren, Strichzeichen symbolischer, kalendarischer, topographischer oder praktischer Art, wic es die Lage oder Anlage einer Tierfalle sein könnten, füllen vor allem den Saal des Fisches und eine grosse Wand im Saal des Teiches. Die Interpretation solcher Zeichnungen kann sich nur auf Vermutungen und Hypothesen stützen.

Aus der Neolithischen Periode sind ausserdem Werkzeuge aus Knochen, poliertem Stein und Feuerstein un Keramikreste erhalten.

Die von Abate Breuil "traits macaronis" genannten Strichzeichnungen (möglicherweise ein Symbol für Wasser oder Fruchtbarkeit) erscheinen bereits im Schlosaal (Sala del Castillo) und "Türm von Pisa" (Torre de Pisa). Dort sind auch gerade und herzförmige Linien in gelblichem Ocker zu finden, die teilweise von Kalkspat überdeckt werden. Zahlreich sind solche Strichzeichen auch im Salon (El Salón), im Hauptschiff (Nave Central), im Korridor, der zum Saal der Bergziegen (Sala de las Cabras Montesas), fühnt im Saal der Schlangen (Sala de las serpientes) und seiner Verlángerung bis hin zu den Neuen Galerien (Galerías Nuevas).

Reproducido de: "La Cueva de la Pileta". José Antonio Bullón. Ipek. Jahrbuch Fur Prahistorische 8. Ethnographische Kunt. Jahrgange. 1977.
Übersetzt und erweitert von Gisela Leckebusch